Männerlager Abteroda, BMW (“Bär/Anton”)

Ab 1937 beanspruchte das Heer die bei Berka an der Werra gelegenen Kalischachtanlagen Abteroda sowie Alexandershall und baute sie in den darauffolgenden Monaten zu einem unterirdischen Munitionsdepot aus. Ende März 1944 wies das Rüstungsamt die Rüstungsinspektion Kassel auf Veranlassung des Jägerstabes an, die Schachtanlage Alexandershall „für vordringliche Fertigung von BMW Eisenach“ zu sperren. Das Heer konnte dies abwenden, musste aber statt dessen den weniger beanspruchten Nachbarschacht Abteroda freigeben. Noch im Mai 1944 begannen die Bauarbeiten unter Führung der OT Einsatzgruppe IV, um für BMW auf der zweiten Sohle von Abteroda eine unterirdische Produktionsstätte zu schaffen. Das Verlagerungsvorhaben trug den Decknamen „Bär“ für den unterirdischen und „Anton“ für den oberirdischen Betrieb. Anfänglich war eine unterirdische Stollenfläche von 10.000 qm zum Ausbau vorgesehen, die im Juni 1944 auf 16.000 qm ausgedehnt wurde, davon 6.000 qm als Lager. Aus Mangel an Personal schritt der Ausbau der Hallen nur zögerlich voran. Bei Kriegsende soll eine unterirdische Fläche von 8.000 qm ausgebaut gewesen sein, die BMW zur Fertigung von Teilen des Flugzeugmotors „003“ nutzte.

Freie verfügbare Arbeitskräfte standen wenige Monate vor Zusammenbruch des NS-Regimes mit Ausnahme von KZ-Arbeitssklaven nicht mehr zur Verfügung, so dass sowohl die OT-Bauleitung selbst als auch der Flugzeugbauer BMW zur Durchführung der anstehenden Schachtbauarbeiten, die Einrichtung der Maschinenhallen und die spätere Fertigung Häftlinge eines eigenen Außenkommandos heranzog. In den Buchenwalder Bestandslisten erscheint das Lager erstmals am 1. August 1944 mit 79 männlichen Insassen, die teils zuvor schon für BMW in Eisenach (Kommando „Emma“) Zwangsarbeit verrichteten. Am 3. August 1944 ging ein weiterer Transport mit elf Personen aus Eisenach nach Abteroda ab. Zwei Tage später kamen zehn Häftlinge, am 10. August 88 und am Folgetag weitere 21 hinzu. Am 19. und 24. August sind zwei kleinere Transporte aus Eisenach mit drei und sieben Personen belegt. Die Zahl der Häftlinge blieb danach relativ konstant, mit Ausnahme von zehn Häftlingen, die am 20. November vermutlich krankheitsbedingt in das Stammlager nach Buchenwald rücküberstellt wurden. Zur Auffüllung der ursprünglichen Kommandostärke verließen am 24. November acht neue Zwangsarbeiter mit KZ-Statut das Lager Buchenwald. Am 10. Januar 1945 zählte das BMW-Arbeitskommando in Abteroda 229 Insassen. Ende des Monats waren es 230, überwiegend französische und russische Häftlinge. Kommandoführer des Außenkommandos Abteroda war zumindest zeitweise ein SS-Unterscharführer John. Im Gegensatz zu dem wenige Wochen später eingerichteten und gut erforschten Frauenlager liegen über das Arbeitskommando „Anton“ bislang nur wenige Erkenntnisse vor. Folge der schlechten Quellenlage.

Die ausschließlich männlichen Häftlinge waren in zwei von der Heeresmunitionsanstalt auf Anordnung geräumten Lagerhallen untergebracht, die die SS mit einem zwei Meter hohen Zaun abgesichert hatten. An den Ecken waren vier Meter hohe hölzerne Wachtürme mit Scheinwerfern aufgestellt. Kontakte mit anderen Zwangsarbeitergruppen waren strengstens untersagt. Der französische Fremdarbeiter Mansfield, der zusammen mit einigen Häftlingen des Arbeitskommandos „Anton“ in einer der oberirdischen Fertigungshallen arbeitete, erinnert sich: „Einmal kam ein SS-Kommandant zu mir und fragte mich, ob es Sabotage war, dass die Kette einer Maschine immer kaputt ging. Ich sehe noch immer das Gesicht des armen KZlers, der an der Maschine arbeitete. Ich sagte dem Kommandanten, dass der Krieg schon zu lange gedauert hat und die Kette verschlissen sei. Zum Glück des KZlers glaubte der Kommandant mir.“ Im Oktober 1944 verrichteten die männlichen Häftlinge des Lagers „Anton“ insgesamt 64.042 Stunden Zwangsarbeit für den Rüstungsproduzenten; im November waren es 63.108 und im Februar 1945 annähernd 52.200. Für seine KZ-Arbeiter hatte BMW im November 1944 einen Betrag von 32.340 RM an das SS-WVHA in Berlin zu entrichten; im Folgemonat waren es 27.058 RM. Das Arbeitskommando „Anton“ löste sich Anfang April 1945 wegen „Feindnähe“ in zwei Etappen auf. Am 4. April 1945 verließen zunächst 212 Häftlinge das Lager in Richtung Buchenwald. Weitere fünf Häftlinge folgten vier Tage später, am 8. April 1945. Im Jahr 1966 leitete die Ludwigsburger Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen ein Ermittlungsverfahren ein, mit dem geklärt werden sollte, ob es im Männerlager Abteroda zu Tötungshandlungen von Insassen durch das SS-Personal gekommen war. Die Staatsanwaltschaft hörte vier ehemalige Häftlinge an, die den Anfangsverdacht nicht bestätigen konnten. Das Verfahren wurde im April 1967 eingestellt.

(c) Frank Baranowski 2004
Wiedergabe des Textes ohne Genehmigung des Autors nicht gestattet.

Literatur:

Baranowski, Frank: Die verdrängte Vergangenheit. Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in Nordthüringen, Duderstadt 2000.

Ders.: Rüstungsproduktion in Mitteldeutschland, Duderstadt 2005.

zurück