Langensalza, Junkers/Langenwerke AG

Am 20. Dezember 1943 erklärte sich das Reichsluftfahrtministerium mit einer Junkers-Teilverlagerung nach Langensalza einverstanden. Obwohl die Kammgarnwerke AG Eupen seit 1936 selbst Rüstungsaufträge ausführte, hatte sie die 1932 vom Nordwollkonzern erworbene Fabrik für die Flugzeugindustrie vollständig zu räumen. Spätestens Ende März 1944 bekam der Flugzeugbauer auch die Gebäude der Buntweberei Gräsers Witwe & Sohn als weitere Lagerfläche und für die Einrichtung von Unterkünften zugesprochen. Der Verlegungsvorbescheid des Reichsluftfahrtministeriums datiert vom 27. März 1944. Der ausgelagerte Betrieb trat unter dem Decknamen „Langenwerke AG“ auf und fertigte, genauso wie die angeschlossene Produktionsstätte in Niederorschel, Tragflächen für die Ju 88 und andere Flugzeugtypen, insbesondere das Focke-Wulf Jagdflugzeug FW 190. Am 15. Februar 1944 beschäftigte Junkers etwa 750 Personen in seiner neu geschaffenen Produktionsstätte.

Neben der deutschen Belegschaft griffen die „Langenwerke“ auf eine unbekannte Anzahl an Kriegsgefangenen zurück, für die das Unternehmen 1944 einen Betrag von knapp über 12.000 RM an das Stammlager in Bad Sulza zu entrichten hatte. Mit Ausweitung der Produktion erhöhte sich ab Oktober 1944 der Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften, den Junkers Langensalza durch die Heranziehung von KZ-Häftlingen befriedigte, wie dies bereits Monate zuvor in allen anderen größeren Zweigbetrieben des Konzerns der Fall war. Die Zwischenbilanz der „Langenwerke AG“ per 31. August 1944 belegt, dass die Beschäftigung von Zwangsarbeitern mit KZ-Statut von langer Hand geplant war. Die Buchhalter führen akribisch aus: „Der Betrieb III Niederorschel, in dem KZ-Häftlinge zum Einsatz kommen, wird genauso wie die Umstellung der Belei II [gemeint war ein Betriebsteil des Werkes Langensalza] auf KZ-Häftlinge gesondert geplant“.(1) Am 21. Oktober 1944 überstellte Buchenwald die ersten 100 Zwangsarbeiter nach Langensalza, von denen die örtliche Lagerführung am 25. Oktober fünf Häftlinge wegen fehlender Einsatzfähigkeit ins Stammlager zurückschickte. Ein zweiter aus 50 Personen bestehender Transport verließ das Hauptlager am 26. Oktober 1944. Drei Tage später kommandierte Buchenwald nochmals 182 Häftlinge ab, so dass sich ihre Gesamtzahl innerhalb weniger Tage auf 327 erhöhte. In den folgenden Wochen trafen mehrere 100 weitere KZ-Gefangene aus dem gesamten Reichsgebiet in Langensalza ein, das von nun ab als zentrales Straflager für entflohene und später wieder aufgegriffene Häftlinge fungierte, die auf Brust und Rücken mit einem roten Punkt und einem Kreis markiert waren, der beim Schießen als Zielscheibe dienen sollte. Die Art der Bestrafung hing von der Stellung des jeweiligen Häftlings im Lager ab und wurde im günstigsten Fall mit der Einweisung in eine Strafkompanie wie der in Langensalza geahndet. Zumeist reagierte die SS jedoch besonders brutal, um die übrigen Häftlinge vor Fluchtversuchen abzuschrecken. Am 12. November 1944 überstellte Neuengamme die ersten 173 Strafhäftlinge mit Fluchtpunkt nach Langensalza, die offenbar von unterschiedlichsten Gestapo-Dienststellen innerhalb des NS-Machtbereichs ins Konzentrationslager eingewiesen worden waren. Unter ihnen der Pole Anton Madejeczyk, der im März 1943 aus Auschwitz nach Neuengamme gekommen war und im Mai 1944 versucht hatte, von seiner Arbeitsstelle zu fliehen. Dieser Vorfall ist durch eine Meldung der Verwaltung des Klinkerwerks dokumentiert, in der zur Ermittlung des ‚Ausfalles‘ akribisch festgehalten wird: „Am 25. Mai 1944 entwich der Häftling 18130 Madejeczyk, Anton von der Arbeitsstelle. Im Rahmen der Suchaktion mussten wir die Arbeit einstellen.“ (2) Über die Sanktionierung und das weitere Schicksal von Madejeczyk geben die bekannten Quellen keine Auskunft. Sein Name erscheint erstmalig wieder am 18. November 1944 in einem Schreiben des SS-Kommandos Langensalza an den Buchenwalder Arbeitseinsatz, mit dem der Zugang der 173 aus Neuengamme stammenden Zwangsarbeiter unter Überreichung der Transportliste nochmals bestätigt wird. Bereits drei Tage zuvor hatte das Junkers-Außenkommando den Zugang von 40 Fluchtpunkt-Häftlingen aus Sachsenhausen zu vermelden. Am 10. Dezember kamen 22, am 30. Dezember dreizehn und am 18. Januar 1945 nochmals zehn Strafhäftlinge aus Neuengamme hinzu. Am 29. Dezember 1944 ergänzten acht Fluchtpunkt-Häftlinge aus Sachsenhausen und in dem Zeitraum 3. Dezember 1944 bis 9. Januar 1945 vier Häftlinge aus Natzweiler das Produktionskommando der Langenwerke AG. Nach Naumann sollen insgesamt 48 Häftlinge aus Sachsenhausen, 33 aus Flossenbürg, 218 aus Neuengamme, 88 aus Natzweiler, 181 aus Dachau, 93 aus Mauthausen, 22 aus Groß-Rosen, 18 aus Auschwitz und 27 aus Ravensbrück in Langensalza eingewiesen worden sein.(3) Am 2. Januar 1945 zählte das Außenkommando der Langenwerke AG 1.458 Insassen, deren Zahl in der Folge nie unter 1.200 sank, dies obwohl am 30. Januar und 11. Februar 1945 jeweils 200 Junkers-Häftlinge dem eigentlich unzuständigen KZ Mittelbau-Dora überstellt wurden. Dies mag seine Ursache darin finden, dass Buchenwald wegen der Aufnahme von Häftlingen aus den in Auflösung befindlichen Konzentrationslagern Auschwitz und Groß Rosen nicht mehr über hinreichende Kapazitäten verfügte. Es ist aber auch denkbar, dass ein funktionaler Zusammenhang bestand und die Produktionshäftlinge gezielt ausgewählt und angefordert wurden. Etwa 200 der Häftlinge waren in Räumlichkeiten direkt auf dem Werksgelände der requirierten Kammgarnwerke untergebracht. Für die anderen KZ-Arbeitsklaven befand sich direkt gegenüber der Flugzeugfabrik ein aus mehreren Baracken bestehendes Lager. Das Gelände wird heute als Gartenkolonie genutzt. Die Barackenfundamente sollen noch bis weit in die neunziger Jahre hinein sichtbar gewesen sein. Selbst 60 Jahre nach Ende des Krieges fehlt es an einem Hinweis auf das Lager und seine Historie.

Obwohl es sich um ein Strafkommando handelte, lag die Sterblichkeitsrate in Langensalza erheblich niedriger als in anderen Buchenwalder Außenkommandos, möglicherweise ein Indiz für die Abhängig des Flugzeugbauers von seinen zumeist angelernten Arbeitskräften. Außerdem wurden entkräftete und nicht arbeitsfähige Häftlinge unverzüglich nach Buchenwald rücküberstellt, ohne sie über einen längeren Zeitraum einer Behandlung im Krankenrevier zu unterziehen. So schickte das Außenkommando Langensalza allein in dem Zeitraum vom 4. November bis 16. Dezember 1944 mindestens elf Häftlinge zur „Lazarettbehandlung“ nach Buchenwald.(4) Im Dezember 1944 verstarben in Langensalza zwei, im Januar 1945 sechzehn und im Februar und März jeweils zwei Häftlinge. Unter ihnen ein polnischer Häftling, den ein junger SS-Aufseher beim Transport von Tragflächen erschossen haben soll. Die gleiche Quelle spricht davon, dass sie in dem angrenzenden Park menschliche Gliedmaßen gesehen habe, die nur teilweise zugedeckt waren. Für die im Zweigwerk Langensalza tätigen KZ-Arbeiter hatte Junkers für den Monat November 1944 einen Betrag von 87.984 RM an die SS zu entrichten, im Folgemonat waren es 56.936,40 RM. Zum Zwecke der Bestrafung veranlasste das Arbeitskommando Langensalza am 9. März 1945 den Rücktransport von vier polnischen Häftlingen nach Buchenwald, die man beschuldigte, einen Einbruchdiebstahl begangen zu haben, ohne dass nähere Einzelheiten bekannt sind. Ende März 1945 dürfte die Arbeit im Flugzeugwerk zum Erliegen gekommen sein, so dass die SS eine Rückverlagerung der Häftlinge nach Buchenwald anordnete. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch 1.240 Häftlinge in Langensalza, von denen der überwiegende Teil am 3. April 1945 einen mehrtägigen Marsch ins Stammlager antrat, der über Bad Tennstedt und Sömmerda führte. Insgesamt soll es sich hierbei um 1.177 Häftlinge gehandelt haben. Es verblieben nur noch einige wenige Häftlinge in Langensalza. In den Bestandslisten des Stammlagers wird das Junkers-Außenkommando letztmalig am 11. April 1945 mit 59 Insassen erwähnt, die man danach ebenfalls nach Buchenwald zurückgeführt haben dürfte.

 

Fußnoten
(1) LA Dessau, Junkers-Werke, Nr. 267, Bl. 3 ff., Zwischenbilanz der Langenwerke AG zum 31. August 1944.
 (2) Gedenkstätte Neuengamme, ANg, Ng.2.4.3, unpag., Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH, Klinkerwerk Hamburg-Neuengamme: Gesamtmeldung zur  Ausgleichskasse im Jahr 1945 vom 26. Januar 1945.
(3) Naumann, Das arbeitsteilige Zusammenwirken von SS und deutschen Rüstungskonzernen, S. 128.
(4) NARA, RG 242, Film 25, Bl. 15957 ff., Veränderungsmeldungen.
 

Literatur:
Baranowski, Frank: Geheime Rüstungsprojekte in Südniedersachsen und Thüringen während der NS-Zeit, Duderstadt 1995.
Ders.: Rüstungsproduktion in Mitteldeutschland, Duderstadt 2005.
Naumann, Christa: Das arbeitsteilige Zusammenwirken von SS und deutschen Rüstungskonzernen 1942-1945, dargestellt am Beispiel der Außenkommandos des Konzentrationslagers Buchenwald, Diss. Humboldt-Universität Berlin 1973.

Quellen:
Archiv der Gedenkstätte Buchenwald
Archiv der Gedenkstätte Neuengamme
Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (BAL)
Landesarchiv Dessau (LA Dessau)
National Archives Washington (NARA)

(c) Frank Baranowski 2004
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