Außenkommando Weferlingen

Anfang März 1944 besichtigten Vertreter des Wehrkreiskommandos die im Eigentum der Burbach Kaliwerke AG stehenden Schächte „Gerhard“ Walbeck (südöstlich von Grasleben) und Buchberg (nordwestlich von Walbeck), um deren Tauglichkeit für eine Untertageverlagerung kriegswichtiger Industriezweige zu untersuchen. Dies stieß auf den Widerstand der Luftwaffe, die sich ausgerechnet hatte, weite Bereiche der in der Nähe von Helmstedt gelegenen Kalischächte als Munitionsdepot nutzen zu können. Im März 1944 befanden sich auf der 420-m-Sohle acht Kammern im Vortrieb, die im Sommer mit Kriegsgerät belegt werden sollten, wie dies die Wehrmacht anderenorts bereits ab 1933 vorexerziert hatte. Mit dem vermehrten Bedarf der Rüstungsindustrie nach untertägigen Fertigungsstätten fand eine Aufteilung des nur begrenzt vorhandenen Raumes statt. Nutznießer war unter anderem die Braunschweiger Büssing NAG, die im März 1944 davon ausging, auf der 360-m-Sohle des Schachtes Walbeck eine Produktionsfläche von 8.000 Quadratmetern in Beschlag nehmen zu können, um dort mit 800 Personen Motorenteile zu fertigen. Der etwa 25 km entfernte Schacht Buchberg fand hingegen nur geringes Interesse, was unter anderem an dem fehlenden Gleisanschluss lag. Zwar hatte die Berliner Firma Alkett Anfang 1944 ihr Interesse bekundet, ihre Ambitionen aber scheinbar nicht weiter verfolgt. Obwohl die Erkundung vom März 1944 gezeigt hatte, dass die Kapazitäten der Schachtanlagen Wahlbeck und Buchberg beschränkt sind, gingen die NS-Planer wider besseren Wissens davon aus, in kürzester Zeit eine untertägige Fertigungsfläche von 73.500 Quadratmeter herrichten zu können. Davon sollten 3.500 Quadratmeter an die Büssing NAG und 25.000 Quadratmeter direkt an Henschel oder an einen Zulieferer des Rüstungsproduzenten gehen. Weitere 45.000 qm hatte sich der Rüstungsstab für eine spätere Vergabe vorbehalten. Im Spätsommer 1944 begannen die Bauarbeiten, um den Schacht „Gerhard“ Walbeck unter dem Decknamen „Gazelle“ für die Fertigungsaufnahme vorzubereiten. Mitte August 1944 forderte die Bauleitung KZ-Häftlinge als Arbeitskräfte aus Buchenwald an. Am 22. August verließen 505 von ihnen das Stammlager in Richtung Helmstedt, die zunächst in Zelten in der Nähe des Schachtes Buchberg Unterkunft fanden, bevor sie von der SS in Baracken umquartiert wurden. Ein Teil der Bauhäftlinge verblieb permanent im Schacht, ohne über einen längeren Zeitraum hinweg ans Tageslicht geführt zu werden. Für ihre Unterbringung hatte die SS provisorische Lattenroste gezimmert, die in keinster Weise Schutz vor Nässe boten. Als Auflage diente lediglich ein Sack mit Stroh. Es ist zu vermuten, dass weitere Arbeitskräfte im ehemaligen Kinderlandheim Unterkunft fanden, das Platz für etwa 100 weitere Personen bot.

Insbesondere die unter Tage eingesetzten Häftlinge hatten unter widrigsten Bedingungen Schwerstarbeit zu verrichten. Sie mussten Strecken begradigen, Ausbrucharbeiten durchführen sowie Böden und Betonsockel für die Maschinen einbringen. Wie kräftezehrend die Arbeit gewesen sein muss, zeigt sich an den zahlreichen krankheitsbedingten Rücktransporten nach Buchenwald, die teils wöchentlich stattfanden. Der erste belegte Transport mit zwölf Häftlingen fand am 12. Oktober 1944 statt. „Um das Kommando wieder auf die Stärke von 500 Mann zu bringen“, bat der Kommandoführer darum, 22 neue Häftlinge zuzuweisen. Am 20. Oktober verließen weitere sechs erkrankte KZ-Insassen und am 5. November nochmals drei das Außenkommando „Gazelle“. Am 5. Dezember wurden weitere fünfzehn Personen dem Buchenwalder Häftlingskrankenbau zugeführt, darunter zwölf Franzosen. Der größte Rücktransport mit 65 völlig entkräfteten Häftlingen fand am 6. Februar 1945 statt. Zum Austausch stellte Buchenwald am darauffolgenden Tag 75 gesunde Häftlinge nach Weferlingen ab. Durch die konstante Zuführung neuer Arbeitskräfte aus Buchenwald blieb die Belegungsstärke des Außenkommandos „Gazelle“ ab Januar 1945 mit 440 bis 460 Personen nahezu konstant. Im Dezember 1944 hatte die Bauleitung für die von ihr zwangsrekrutierten KZ-Häftlinge einen Betrag von 43.152 RM an das SS-WVHA zu entrichten. Trotz des menschenvernichtenden Einsatzes kamen die Arbeit erheblich langsamer voran, als ursprünglich eingeplant. Der Bericht des Oberbergamtes Clausthal-Zellerfeld vom 9. Januar 1945 über den Stand der Verlagerungsaktionen führt aus, dass sich die Fertigstellung des zweiten Raumes wegen fehlenden Betonkies stark verzögert habe. Gleichzeitig heißt es, dass im Dezember 1944 keine nennenswerte Verlagerung von Maschinen nach unter Tage erfolgt sei. Allein die 1944 für den Ausbau der Schachtanlage „Gerhard“ Walbeck aufgewendeten Kosten beliefen sich auf 3,4 Millionen Reichsmark. Durchschnittlich waren etwa 650 Bauarbeiter tätig, zum überwiegenden Teil KZ-Häftlinge des eigenen Außenkommandos. Anfang 1945 dürften sich erste Abteilungen der unterirdischen Produktionsstätte in Betrieb befunden haben. Bei Kriegsende sollen sowohl Henschel als auch die Niedersächsische Motorenwerke (NiMo), ein 1935 von der Braunschweiger Büssing NAG und dem Deutschen Reich gegründetes Unternehmen, Motoren für Schnell- und U-Boote sowie Flugzeuge (Lizenzbau des Triebwerkes DB 605 durch Henschel) gefertigt haben. Das Außenkommando „Gazelle“ war eines der wenigen Lager, das im April 1945 entgegen der üblichen Praxis nicht evakuiert wurde. Scheinbar hatte sich der von der Wehrmacht abgestellte Kommandant geweigert, die Befehle aus Buchenwald zu befolgen. Am 12. April 1945 wurde das Lager von alliierten Truppen befreit. Die Baracken des Außenkommandos „Gazelle“ sowie der Übertagebereich der Schachtanlage Buchberg wurden 1947/48 gesprengt und beseitigt. Die spätere Grenzanlage der DDR verwischte weitere Spuren. Auf dem Friedhof Walbeck, wo laut Sterberegister drei KZ-Häftlinge bestattet sind, befindet sich ein Gedenkstein zur Mahnung an die Ereignisse um das ehemalige Lager.

(c) Frank Baranowski 2004
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